Tränenfest

Mit der Musik zieht nach dem Lockdown auch wieder Leben in die Gotteshäuser ein. So sangen die Gläubigen in der Wies beim Tränenfest mit Inbrunst das „Großer Gott, wir loben dich“. Eindrucksvoll war auch die „Missa brevis F-Dur“ von Anton Diabelli. Kirchenmusikerin Kristina Kuzminskaite ist es gelungen, mit ihrem Wies- Ensemble, verstärkt durch das Stadtorchester Schongau und die Bläsergruppe Steingaden, jene religiöse Atmosphäre zu schaffen, die zu dem barocken Tränenfest und dem Farbenwunder der Wies passt. Da spielten nicht nur die Brüder Maximilian und Moritz Schmid (13 und 9 Jahre) vom Sonnenbichl in Peiting begeistert mit. „Es war ein mächtiges Jubellied zur Ehre Gottes, eine einzigartige Begegnung von Natur (Blumenschmuck) und Kunst, alltags entrückter Besinnlichkeit und freudigem Gotteslob“, zeigte sich Theodora Handiak-Christophe aus Peiting dankerfüllt. Ebenso wie Richard Rudolf aus Steyr in Oberösterreich, der wiederum mitministrierte. Die Männerwallfahrt der Diözese Augsburg, die sich von Lindau aus eine Woche zu Fuß auf den Weg in die Wies gemacht hatte, trug heuer auch das „Corona-Kreuz“ mit.
Erfreut zeigten sich Wiespfarrer Monsignore Gottfried Fellner und die Älteste Marlene Wieser, dass sie wieder ein neues Mitglied, das 574. seit der Wiederbelebung, in die Bruderschaft aufhehmen konnten.
Klagemauern und kleine Ritzen
Beim Festgottesdienst standen neben dem Zelebranten Domkapitular Clemens Bieber auch Wieskurat Gottfried Fellner und die Diakone Gerhard Kahl und Armin Eder am Altar.„Die Menschen brauchen mehr als Rituale zu einzelnen Lebensereignissen“, stellte Clemens Bieber in seiner Predigt deutlich heraus. Er zitierte den Theologen Günter Thomas: „Wir brauchen in diesen Zeiten Klagemauern, wir brauchen diese Ritzen, in die Menschen so heimlich wie öffentlich ihren Verzweiflungsglauben stecken können.“Orte eben wie die Wieskiche, zu der auch Menschen hinkommen, die keinen Bezug zur Kirchengemeinde in ihrer Nähe haben. Dies mache deutlich, dass sie Gottes Nähe suchen.
Aus dem Herzen zu den Herzen
Der Prager Theologe und Soziologe Toma Halik nimmt heute eine „ganzheitliche Krise der Sicherheiten der gegenwärtigen Menschen“ wahr, sowohl der religiösen, als auch der säkularen. Deshalb komme es darauf an, dass „wir als Kirche im Dialog stehen und versuchen, auf die wirklichen, echten Fragen der Menschen überzeugende Antworten zu geben. Es muss eine Sprache aus dem Herzen zu den Herzen der Menschen sein.“Die Karfreitagsprozessionen, bei denen die Figur des Gegeißelten Heilands in den Jahren 1732 bis 1734 mitgetragen wurde, habe den Menschen anschaulich vor Augen geführt, dass der menschgewordene Gott mit ihnen geht auf allen ihren Wegen, gerade auch auf den schweren, leidvollen Wegstrecken.
Eindrucksvoller Bericht im Fernsehen
Am Pfingstsonntag übertrug das ZDF den Festgottesdienst aus Stift Altenburg in Österreich. Doch die Sendung wurde wegen einer Störung früh unterbrochen. Da das Problem umfangreicher war, spielte der Sendereinen Film über besondere, bedeutungsvolle Orte ein - allen voran die Wieskirche.
Der Außenansicht unter strahlendem Himmel auf die Wies folgte die Führung durch das Gotteshaus, und schließlich hörte und sah man noch einen Gesang des Tölzer Knabenchores. Die Wies, der Ort, an dem auch Domkapitular Clemens Bieber einst das „Herz aufging", das beeindruckte ihn: „Als wegen technischer unvorhergesehener Probleme die Planung durcheinandergeriet, fiel der Blick auf die Wieskirche und den gegeißelten Heiland: Ist das nicht ein passender Vergleich für die Beweggründe unzähliger Menschen, die das Jahr über in die Wies kommen, und zwar nicht aus touristischen oder kunsthistorischen Gründen, sondern weil sie mit ihren persönlichen Anliegen, in ihren Sorgen und Nöten die Nähe des Gegeißelten Heilands suchen?"
„Ich bin mir sicher", so Clemens Bieber, „für viele Menschen an den Bildschirmen, war das eine unverhoffte ermutigende Botschaft: Unser Gott ist bei uns und steht zu uns in jedem Augenblick unseres Lebens! Genau deshalb sind wir heute hier und danken für diese Zusage, an die uns der Heiland in der Wies erinnert."    

Gerhard Heiss

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