Gottfried Fellner geht in den Ruhestand

Dies gelang ihm mit seiner zu Herzen gehenden Liturgie, der kraftvollen Verkündigung des Wortes Gottes, seiner Faszination für das Schöne, der Hilfsbereitschaft für Menschen in Not und bodenständigen Verbundenheit mit der Bevölkerung. Jetzt geht er in den Ruhestand, bleibt aber der Wies treu. Am kommenden Sonntag, 15. August, Christi Himmelfahrt, feiert er seine Abschiedsgottesdienste. In einem Gespräch mit der Heimatzeitung kommt seine Verbundenheit zum Wiesheiland deutlich zum Ausdruck.

Als Stadtpfarrer und Ehrenbürger von Dillingen kamen Sie zum Schutzengelfest 2012 in die „Einsamkeit der Wies“. Ein bewusster Schritt?

Gottfried Fellner: Der Wiesheiland in der Basilika St. Peter in Dillingen war für mich schon immer ein wichtiger Ort des Gebetes und seit 40 Jahren findet bereits unter Leitung von Diakon Xaver Käser die Wallfahrt von Dillingen in die Wies statt. Als der damalige Landvolkpfarrer Rainer Remmele mir den „Floh von der Nachfolge von Prälat Georg Kirchmeir ins Ohr setzte“, war ich „Feuer und Flamme“ und da ich einen Nachfolger für Dillingen hatte, stimmte Bischof Konrad Zdarsa sofort zu.

Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit war es, die Strahlkraft der Wallfahrt zu erhalten und alte Verbindungen wieder aufleben zu lassen. Welche Wege beschritten Sie?

Fellner: Neben Einzelpilgern und Fußwallfahrern auf dem Jakobsweg kommen jährlich über 170 Pilgergruppen in die Wies. Mehr als 4.500 Orte in ganz Europa hat Thomas Finkenstaedt ausfindig gemacht, wo der Wiesheiland verehrt wird. Dank der durch Schwester Paula Straub zum Kinderkrankenhaus in Coaniquem hergestellten Verbindung hat der Geiselheiland auch in Chile eine weite Verbreitung gefunden. Alle zwei Jahre unternimmt die Bruderschaft zum Gegeißelten Heiland eine mehrtägige Wallfahrt zu Wiesheilanden. 2014 führte uns diese in meine Geburtsheimat nach Altmünster am Traunsee in Oberösterreich. Es ist großartig, dass immer wieder neue Mitglieder in die Bruderschaft aufgenommen werden.

Durch die bei diesen Wallfahrten geknüpften Kontakte kam es 2015 zur deutschen Erstaufführung der Wieser Messe von Karl Michael Waltl aus der Pfarrei Wies in der Steiermark mit dem Kirchenchor und Bläsern aus Frauenberg/Admont. Der Vierklang von Theologie, Kunst, Licht und Musik kam dabei deutlich zum Ausdruck. Wie wichtig ist Ihnen ebenso der Glaubenshintergrund bei Konzerten?

Fellner: Volksmusik – ich selbst spiele Hackbrett – und klassische Musik gehört seit frühester Kindheit zu meinem Leben. Deshalb bin ich froh, dass in der Wies die Musik nicht nur bei den Gottesdiensten der „Seelennahrung“ dient, sondern auch im reichen Konzertleben, das hier seit langen Jahren hochkarätig gepflegt wird. Dabei war mir es immer ein Anliegen, zu Beginn oder am Ende der Konzerte einen geistlichen Impuls, beziehungsweise Segen zu sprechen. Am Anfang meiner Kuraten-Zeit wurde das mit Erstaunen beziehungsweise mit Skepsis wahrgenommen, so nach dem Motto: „Was hat denn der bei einem Konzert zu suchen?“ Allmählich aber gehörte es zum Ablauf eines Konzertes mit genehmigter Auswahl des Programms, dass sich die Besucher daran erinnern, sie sind nicht nur in einem der schönsten „Konzertsäle“ der Musik, sondern auch in einem Gotteshaus. Verständige, gläubige Dirigenten machten sogar vor dem Konzert eine Kniebeuge vor dem Tabernakel und wünschten sich zum Schluss einen Segen oder das siebenstimmige Geläut der Wieskirche, um noch einen nachhaltigen Ausklang zu erleben.

Schon seit dem Schutzengelfest 1929 wurde der Besucheransturm während der Gottesdienste kritisch gesehen. Mit der „Ampel-Lösung“ ist es Ihnen gelungen, eine ausgewogene Balance zwischen Glaubensort und Weltkulturerbe herzustellen. Was war Ihnen dabei wichtig?

Fellner: Den Menschen bewusst zu machen, dass sie sich nicht in einem Museum und einem Kulttempel der UNESCO befinden, sondern in einem Gotteshaus, also auf heiligem Boden stehen. Das wurde nicht immer verstanden. Natürlich gehört die Wieskirche zu einem der genialsten Gottesdiensträume der Weltkunst, zu einem der schönsten Konzertsäle für die Musik, zu einem Tourismusmagnet ersten Ranges. Trotzdem ist und bleibt die Wies ein Gotteshaus.

Die Barmherzigkeit Gottes ist ein zentrales Element Ihrer Wallfahrtsseelsorge. Dies kommt deutlich bei Ihren leidenschaftlichen Führungen durch die Wies zum Ausdruck. Berühren sich nicht gerade in der Wies Himmel und Erde?

Fellner: Der Dichter Peter Dörfler hat Recht, als er dieses formvollendete Meisterwerk des Rokoko einmal ein „Stück Himmel auf Erden“ nannte. Die Prämonstratensermönche haben es verstanden, den Menschen in der schweren Zeit des österreichischen Erbfolgekrieges ein Stück Himmel auf Erden zu bereiten. Allen, die heute hierherkommen, sie alle gehören ja zur großen Schar der „Kinder Gottes“, wollte ich in erster Linie die Wieskirche als unübertroffenen Ort der „Barmherzigkeit Gottes“ erschließen. Dargestellt in den Fresken und vor allem im Bildnis des Gegeißelten Heilands. In ihm wird die maßlose Liebe Gottes zu den Menschen sichtbar. Zu ihm dürfen sie alle mit ihren Bitten, Sorgen und Nöten kommen. Und oft habe ich gesagt: „Es gehört Mut dazu, diesem Gegeißelten ins Gesicht zu schauen. Wer es wagt, begreift, dass dieser Gott um die Liebe der Menschen fleht.“

Was waren Ihre einprägendsten Erlebnisse?

Fellner: Die großen „Wiesfeste“, Wallfahrten wie die der Trachtler, Musikanten und Schützen. Herausgehoben die Prozession zum 275. Gedenken an die Übertragung des Gegeißelten Heilands von Steingaden in die Wies am 4. Mai 2013 mit Impulsen aus dem Mysterienspiel „Wunder Wies“. Besuche namhafter Persönlichkeiten aus Kirche und Politik, große musikalische Ereignisse, erschütternde Berichte von Erfahrungen mit dem Wiesheiland. Dankbare Briefe an die Kuratie, herzliche Zuwendungen und Ermutigungen waren oft „Kraftquelle“, um mit aller menschlichen Begrenztheit, aber mit Leidenschaft diesen Dienst an den Menschen, die hierherkommen, zu erfüllen.

Über die Wies gibt es eine umfangreiche Literatur. Zum 250. Todesjahr von Dominikus Zimmermann haben sie 2016 einen prächtigen Bildband herausgegeben. Ein Herzensanliegen?

Fellner: Ja. Es gibt hervorragende Literatur über die Wies, aber es gab noch keinen ausgesprochenen Bildband. Deshalb habe ich mich entschlossen, zusammen mit Professor Hans Pörnbacher und seinen Kindern Mechthild und Johann einen Bildband herauszugeben. In Winfried Bahnmüller fand ich einen ausgezeichneten Fotografen. In diesem Bildband werden die Kirche und ihre Ausstattung in Wort und Bild vorgestellt. Er sollte zu einer Begegnung mit diesem Weltkulturerbe als Andachtsraum wie als zeitlosem Kunstwerk einladen. Vor allem die Theologie der Wieskirche, nach dem tiefgläubigen Steingadener Prämonstratenserpater und Ideengeber der Kirche, Magnus Straub, war mir ein Anliegen.

Ich möchte jedes Kind der Wies beneiden, im Schatten eines solchen Gotteshauses aufwachsen zu dürfen“, schrieb einst Willi Mauthe in seinem Büchlein „Geliebte Wies“. Haben Sie die Wies als Ihren „Lieblingsplatz“ bewusst zum Altersruhesitz ausgewählt?

Fellner: Meinen „Aktiv-Ruhestand“ kann ich, auf Wunsch meines Nachfolgers in der Wies verbringen. Ich freue mich auf diese Zeit, die mir Gott und meine Gesundheit noch schenken. Die Wies ist und bleibt mein „Sehnsuchtsort“, auch wenn ich meine „Erste Liebe Dillingen“ immer noch in meinem Herzen pflege.

Welchen Rat geben Sie Ihrem Nachfolger Florian Geis mit auf den Weg?

Fellner: Pfarrer Florian Geis nimmt seine neue Herausforderung in der Wies als pastoralen Schwerpunkt der Diözese im Pfaffenwinkel gerne an. Dazu wünsche ich ihm, dass er seine Hand am Puls der Zeit und sein Ohr am Herzen der Menschen hat! Für die Verhandlungen mit acht verschiedenen Ansprechpartnern in der Wies wünsche ich ihm ein gutes Gespür, um ja niemanden dabei zu übersehen. Das Wichtigste aber ist, dass er die Menschen gleich welch religiöser Sozialisation, verstehen und heben kann und dabei den Wiesheiland im Rücken und Herzen spürt.

Das Interview führte Gerhard Heiß

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