Die Geschichte der Wallfahrt

Das älteste erhaltene Votivbild von 1743

 

Noch bevor eine Kirche in der Wies stand war diese Einöde inmitten von Wald und Mooren schon zu einem Wallfahrtsort geworden. Seit am 14.Juni 1738 die Familie Lory im Gesicht der „Bildnuß“ vom Gegeißelten Tränen entdeckte, zog es ungezählte Menschen in die „Wis“. Dieser nicht mehr verebbende Zustrom von Suchenden, Hoffenden und Vertrauenden führte erst zum Bau der berühmtesten Rokoko-Wallfahrtskirche Europas.

Obwohl Abt Hyacinth Gassner über die Tränen Stillschweigen angeordnet hatte, kamen schon 1740 wohl um die 1500 – 2000 Pilger zur Wies, weshalb man eine kleine Feldkapelle und später dazu einen hölzernen Anbau errichtete, worin die Figur aufgestellt wurde.

„Es beginnt eine >grosse Andacht< aus der Nachbarschaft, und Catharina Schwaigerin aus Ried in der Herrschaft Hohenschwangau hat Ende 1741 >das erste Gelübde-Täfelein in der Gnaden-Capellen Christo ihrem Erretter zur Danksagung aufgehenckt<. Weitere Votivgaben folgten schnell. … >Da sich… die Beharrlichkeit und Wachsthum genugsam zeigte<, hielt Abt Hyacinth Gassner beim Bischof von Augsburg um die Erlaubnis an, auf einem beweglichen Altar (altare portatili) die Messe lesen zu dürfen.“
(T. u. H. Finkenstaedt, Die Wieswallfahrt, Pustet 1981, S. 62)

Maria und Martin Lory vor der Wieskapelle - Ausschnitt aus einem Votivbild nach 1771

 

Am 17.März 1744 wurde die erste Messe in der Kapelle gelesen, 1745 war bereits ein Pater den Tag über zur Betreuung der Wallfahrer in der Wies, nach der Einweihung der Kirche sind es fünf Wallfahrtspriester (und ab 1774 regelmäßig sogar sechs). Von der ersten Messe bis zum 1.September 1746 wurden 6090 Messen gelesen (das sind durchschnittlich ca. sieben pro Tag) und es wurden 40.000 Kommunikanten gezählt. Zu dieser Zeit war noch immer keine Kirche vor Ort. Schon 1744 wurden aber wohl die ersten Andachtsbilder vom Wiesheiland gedruckt und „die grosse Gutthaten des gegeisleten Jesu in der Wis“ wurden weiter erzählt. Außerdem fanden zunehmend öffentliche „Creutz- oder Bitt-Gäng aus Städt, Märckten und Dörfferen“ (Gnadenblum S. 35)statt „sowohl von benachbahrten als auch weit entlegenen Orthen“ (Gnadenblum S. 33) Nach der Fertigstellung der Wieskirche steigerte sich dieser Zulauf weiter. So sind für das Jahr 1767 insgesamt 4783 Messen im „Hauptbuch“ der Wallfahrt aufgezählt und die Herkunftsorte der Pilger waren mit Böhmen, Ungarn, Frankreich und „Welschland“ immer noch weiter entfernt.

Neben vielen Einzelpilgern kamen auch Prozessionen aus den umliegenden Orten, wie Steingaden, Wildsteig, Rottenbuch, Bayersoien oder Kohlgrub – vorwiegend als Bittgänge um gutes Wetter, für die Feldfrüchte, zur Abwendung von Schädlingen, aber auch zum Schutz vor Epidemien (Füssen). Schon 1764 sind zudem Wallfahrten bis aus Schwäbisch Gmünd oder Lauingen verzeichnet mit fast 150 Personen.

"Aufopferung"

 

Wichtig für die Verbreitung der Wallfahrt waren die „Verlobungen“, d.h. Versprechen, die von Menschen in höchster Not gemacht werden: „Anna Maria Erhardin stürtzte nicht ohne tödtliche Gefahr über ein hohe Stiegen; unter wehrendem Fall rufte sie den gegeißleten Christum in der Wiß an“ (Gnadenblum, Nr 54). Ob und auf welche Weise die Linderung eintrat, bleibt in den Verlöbnissen oft verborgen. Mitunter wurde die verlobte Wallfahrt trotz weiteren schweren Leidens angetreten, manchmal wurde aber auch eine augenblickliche Heilung nach der Verlobung bezeugt. Von einem vierjährigen Kind, das weder sprechen noch gehen konnte wird berichtet, dass es gleich nach dem Verlöbnis gehen konnte und auf die Frage nach der plötzlichen Wandlung geantwortet habe: „Der Herr Gott in der Wis hat mir das Gehen gelehrnet.“ (Gnadenblum 1749, Nr. 967)

Votivbild von 1821

Auch die Votivtafeln geben Aufschluss über eine enorme Bedeutung der Wies als Wallfahrtsort. Bis 1746 waren schon 798 Tafeln gebracht worden, 1747 kamen 405 weitere hinzu. Daneben wurde eine Vielzahl von Wachs-, Kerzen- und anderen Opfergaben verzeichnet und ungezählte Krücken, Schienen und Verbände wurden hinterlassen oder zugesandt. Auffällig daran ist, dass neben dem einfachen Volk auch viele Standespersonen ihre Zuflucht zum Wiesheiland nahmen und im Verzeichnis der Erhörungen deutlich mehr Männer als Frauen zu finden sind. Im Jahr 1833 waren alle Innenwände der Wieskirche mit den verschiedensten Votivtafeln dicht behangen, wodurch die Kirche einen dunklen Innenraum erhalten hatte. Aus diesem Grund musste im Oktober 1833 Wallfahrtspriester Mühlberger auf Anordnung des Bischofs von Augsburg alle 5.000 bis 6.000 Votivtafeln hinauswerfen und verbrennen lassen. Für lange Jahre verlor das Volk daraufhin die Lust hierher zu wallfahrten und Votivbilder zu stiften.

Verkündzettel von 1751 - auch heute finden sich ungezählte Blätter mit Anliegen in den Umgängen der Wieskirche

 

Dennoch blieb die Wallfahrt lebendig bis zum heutigen Tag. Davon zeugen auch jährlich tausende an Verkündzetteln, die die Besucher von heute mit ihren Anliegen in der Wies hinterlassen. Auch die traditionsreichen Wallfahrtsbesuche aus der näheren und weiteren Umgebung erfahren in den letzten Jahren eine Belebung, und neue Wallfahrten entstehen.  Das Einzugsgebiet umspannt heute die ganze Welt – und immer wieder beschleicht einen der Eindruck, dass Menschen, die als reine Kunst-Touristen herkamen, berührt werden von der Ausstrahlung des gegeißelten Heilandes und weggehen als Betende, weil sie – wie Millionen von Wallfahrern – hier Erleichterung verspüren in ihren Sorgen und Kümmernissen.