Gedanken zur Passion

Wiederkommender Christus im Deckenfresko der Wieskirche

Das Rokoko-Juwel Wieskirche: Ort des Glaubens und der Hoffnung

von Helmut Schmidbauer

Zu den glücklichen Stunden nach diesem langen Winter zählt ein Ausflug zur Wies. Und wenn's an einem Föntag geht, womöglich noch in der Karwoche, kann man sich damit ein wunderbares Geschenk machen. Es sollte am späten Nachmittag sein, wenn die meisten Touristen wieder gefahren sind und die Wies in der Einsamkeit liegt, für die sie gebaut ist. Da kann man dann noch den Zauber spüren, der einst von der schwer zugänglichen und wilden Landschaft des uralten Welfenlandes am oberen Lech ausgegangen ist.

Gerade in diesem Teil des Pfaffenwinkels ist die Frühlingslandschaft auch heute noch von eindringlicher Schönheit: ein Gefüge aus dunklen Wäldern, graugrün schimmernden Wiesen und blitzenden Wässern vor der dunklen Wand der Trauchberge. Und da hinein eingebettet tut sich dem Ankömmling, wenn er das umgebende Waldstück mit den Krüppelkiefern und hohen Fichten durchquert hat, eine wahrhaftige Lichtung auf: Hoch erhoben auf einem Moränenhügel liegt, wie eine Insel im Wiesenkreis, der pastellfarbene Komplex aus Kirche und Prälatenbau.

Die Landschaft war zuerst da, und die Kirche wurde von Dominikus Zimmermann hinein gepasst. Die gebuckelte Silhouette des Trauchberges konnte er so in der Dachgestalt der Kirche nachzeichnen. Es gibt ganz selten ein Bauwerk, das vom Künstler derart als beglückende Bereicherung in die umgebende Landschaft hinein komponiert werden konnte.

Wer die Wies als bloßes Kunstobjekt genießen will, der nimmt nur die Oberfläche wahr und bleibt letztlich an einem scheinbar unlösbaren Widerspruch hängen. Im optischen Mittelpunkt der überwältigenden Pracht besten bayerischen Rokokos steht nämlich auf dem Hochaltar das einfache, völlig unkünstlerische Mirakelbild vom Gegeißelten Heiland. Kann man sich einen größeren Gegensatz vorstellen als die armselige, gequälte und gebrechliche Hässlichkeit dieser kunstlosen Gliederpuppe im Zentrum der elegantesten Architektur?

Für den bloßen Kunsttouristen bleibt das ein nicht einzuordnendes Kuriosum. Und doch: Ohne den Gegeißelten wäre der Glanz dieser Kirche sinnlos. Er ist der Schlüssel zum Verständnis dieser Pracht, und er allein ist die Rechtfertigung für den Aufwand, durch den die Bauherren vom Prämonstratenser-stift Steingaden an den Rand des Ruins getrieben wurden. Das Kunstwerk Wies kann also nur verstanden werden, wenn man sich dem Wagnis der Frömmigkeit aussetzt.

Im Zentrum des Gotteshauses ist die Passion Christi thematisiert. Überirdische Schönheit und irdisches Leid sind dabei in der künstlerischen Aussage Dominikus Zimmermanns zu einer Einheit verschmolzen. Vielleicht liegt das Ansprechende der Kirche darin, dass in der Wies die „Sympathie" des Gottessohnes sinnfällig im Heiland an der Geißelsäule gezeigt wird. Er überlässt Leiden und Tod nicht bloß uns Menschen, hat er doch für sich selbst alles andere als einen schönen Tod auf sich genommen. Er stirbt nicht wie Buddha mit 80 Jahren friedlich im Kreis seiner Jünger, nicht wie Mohammed im Luxus seines Harems in den Armen seiner Lieblingsfrau. Er ist hier einer von uns gewöhnlichen Menschen, in einer Reihe mit den Ärmsten und Elendesten und kann jedem leidgeprüften, mühselig beladenen Besucher der Wies glaubhaft in die Augen sehen und sagen: Schau nur her! Sieh doch mich an!

Vom Gnadenbild schweift unser Blick nach oben, zur Decke, zum Chorfresko. Johann Baptist Zimmermann, dem Bruder des Architekten, ist mit diesem Deckenbild ein ganz großer Wurf gelungen. Auf dem Bild tragen Engel die Leidenswerkzeuge Christi hinauf vor Gott in einen Lichtraum vor das leere Kreuz.

Direkt darunter hat Zimmermann die Geißelsäule, eines der zentralen Objekte der Kirche, platziert (mit der Signatur: „Zimmermann pinxit", „er hat's gemalt" auf der Bodenplatte). Ein Engel hält darüber die Geißel, andere Engel alle sonstigen „Leidenswerkzeuge": Nägel, Lanze, die Stange mit dem Ysop-Schwamm. Die heilige Veronika zeigt ihr Schweißtuch mit dem Abbild des heiligen Antlitzes,  die  Dornenkrone mit dem Drückstock liegt darunter. Diese abscheulichen menschlichen Geräte für Folter, Leid und Hinrichtung werden also hinauf vor Gott getragen. Sie sind jetzt Asservate und Beweisstücke, dass die Heilsgeschichte sich erfüllt hat.

Die Absicht Johann Baptist Zimmermanns mit dieser ebenso raffinierten wie durchdachten Komposition ist einleuchtend: Dem Besucher und Pilger soll eine Hilfe gegeben werden, indem sein Blick nach oben gezogen wird und er sich dadurch über die harte Wirklichkeit hinausheben kann. Die irdische Beschränkung in Not und Tod ist nicht die alleinige Bestimmung in unserem Leben, will uns das Bild sagen.

Die Bilderwelt der Wies eröffnet damit dem vom Leben gebeutelten Besucher die Chance, bei aller Seelennot und allem Gram dennoch getröstet heim zu gehen. Und so bleibt unsere Wies über all den Umtrieben eines touristischen und kunsttouristischen Glanzlichtes dennoch zuallererst ein wunderbarer Ort des Glaubens und der menschlichen Hoffnung.

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