Predigt zum 3. Fastenfreitag 2019

"Gnadenstuhl" (um 1680 Niederbayern)

Freitag, den 22.3.2019

Der Gnadenstuhl

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes das Leben gestalten

Kreuzdarstellungen in der Wies stehen in diesem Jahr im Mittelpunkt unserer Fastenpredigten. Das Kreuz, das wir heute betrachten wollen, befindet sich im Besprechungsraum - und ist eigentlich viel mehr als ein Kreuz. Man bezeichnet solche Darstellungen auch als Gnadenstuhl - und sie zeigen mit dem gekreuzigten auch Gott Vater und den Hl. Geist. Oft wird es so dargestellt, dass Gott Vater das Kruzifix in Händen hält und der Hl. Geist über allem schwebt.

Der Gnadenstuhl hier, den Sie auf dem ausgeteilten Bildchen betrachten können, ist etwas anders gestaltet. Gott hält nicht das Kreuz in Händen, sondern in seiner Rechten das Zepter als Symbol der Herrschaft und links die Erdkugel, über der das Kreuz aufgerichtet ist. Die Taube als Zeichen für den Hl. Geist steht zwischen Gott Vater und dem gekreuzigten Christus, der von vier Putten umgeben ist. Während in anderen Darstellungen oft Gott Vater am größten dargestellt ist, sehen wir hier eindeutig Christus am Kreuz am eindrucksvollsten. Vielleicht kamen die weiteren Elemente sogar erst nachträglich hinzu. Wie auch immer - der Gnadenstuhl weitet unseren Blick über das irdische Geschehen der Kreuzigung hinaus auf die Dreifaltigkeit Gottes. Gottvater und der Hl. Geist wirken mit an der Erlösungstat Christi. Jesus selbst hat uns in dieses Geheimnis eingeführt. Er hat zu uns von Gott als dem Vater gesprochen; er hat zu uns vom Heiligen Geist gesprochen; und er hat zu uns von sich selbst als Sohn Gottes gesprochen. Und als er nach seiner Auferstehung die Jünger ausgesandt hat, um die Völker zu evangelisieren, hat er ihnen aufgetragen: Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes! (Mt 28,19).

Wir beten dieses Bekenntnis zu Beginn jeden Gottesdienstes: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Wir empfangen und spenden Segen mit diesen Worten, Eltern geben ihren Kindern diese Stärkung mit auf den Weg, wenn sie das Haus verlassen und sie zeichnen ihnen mit diesen Worten das Kreuz auf die Stirn, wenn es abends ins Bett geht. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes - das ist Auftrag und Zuspruch zugleich: Auftrag, im Sinne Gottes zu leben und zu handeln und Zuspruch, dass wir jederzeit darauf vertrauen dürfen, dass dieser Gott gleich in dreifacher Weise an unserer Seite steht:

ER ist mit uns als der Schöpfer, der uns das Leben und die Lebensgrundlagen geschenkt hat und immer wieder schenkt,

ER ist an unserer Seite als der Bruder, der unser menschliches Leben ge- und erlebt hat bis zur letzten Konsequenz des Todes und

ER ist an unserer Seite als der Funke, der uns Erkenntnis, Weisheit, Verstand, Rat, Stärke, Gottesfurcht und Frömmigkeit schenkt, damit wir mit Hoffnung, Liebesfähigkeit und Kreativität unser Leben gestalten können.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes soll und kann und wird unser Leben gelingen, weil es keinen Zustand gibt, in dem dieser Gott nicht bei uns wäre. Er begegnet uns in der Natur und der Schöpfung, er begegnet uns in den Menschen und er begegnet uns in unseren Gedanken, Gefühlen und Ideen. Dieser dreifältige Gott ist ganz und gar mit der Welt verwoben und wir dürfen ihn herein rufen in unser Leben. Vielleicht kann ja die Fastenzeit ein guter Anlass sein, um unsere Tage ganz bewusst mit der Anrufung dieses dreifältigen Gottes morgens zu beginnen und abends zu beenden. Wie wäre es, in der kommenden Woche die vielleicht wirkende Scheu zu überwinden und anderen diese Worte zu sagen. Und so lade ich Sie herzlich ein, hier und jetzt ihrem Nachbarn, ihrer Nachbarin ein Kreuz in die Handfläche zu zeichnen - oder wenn es ein vertrauter Mensch ist auf die Stirn - und „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ zuzusprechen.

Auf unserem Gnadenstuhl hält Gott seine Hand über die Erde und zu den drei göttlichen Symbolen sind genau vier Putten angeordnet. Vier ist die Symbolzahl des Irdischen. Wir kennen vier Jahreszeiten, vier Elemente, vier Himmelsrichtungen, vier Temperamente: Gott und Welt sind ineinander verwoben. Gott will in dieser Welt präsent sein und ist in Jesus in diese Welt gekommen. Setzen wir uns doch das Ziel, IHM heute einen besseren Empfang zu bereiten als vor 2000 Jahren. Wo immer dies gelingt wird Gnade und Wohlergehen der Lohn dafür sein - im Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes. Amen

Ein Meditationsbild können Sie hier herunterladen.

Predigt zum 2. Fastenfreitag 2019

Kreuzesdarstellung von Januarius Zick

Freitag in der ersten Fastenwoche, 15.3.2019

Zum Bild von Januarius Zick

Frei werden aus Abhängigkeiten

In unserer Predigtreihe von Kreuzesdarstellungen in der Wies betrachten wir heute ein Bild, das nur wenige kennen. Es hängt im Amtszimmer des Wiespfarrers und wurde gemalt von Januarius Zick, dessen Vater bei Rembrandt lernen durfte.

Das etwas Unheimliche, das in vielen Rembrandt-Bildern zu sehen ist, das schummrige Dunkel, die oft verschwimmenden Konturen, die düstere Stimmung - das finden wir auch in dieser Darstellung. In helles Licht getaucht und mit klaren Zügen dargestellt ist allein Jesus am Kreuz. Sein Kopf ist ihm auf die Brust gesunken, Jesu Leib hängt ganz gerade am Kreuz, während alle anderen Figuren auf dem Bild irgendwie gewunden und gebeugt wirken. Die Schächer links und rechts krümmen sich mit angewinkelten Knien und nach hinten geboge­nen Armen. Auch der Reitersoldat, der gerade die Lanze in Jesu Brust sticht, wirkt in sich verdreht. Der Soldat rechts ist am Boden zusammengesunken. Während alles in Bewegung ist, strahlt Jesus geradezu Ruhe aus: „Es ist vollbracht“ - Der Todeskampf ist beendet: „Jesus neigte das Haupt und übergab seinen Geist.“ So beschreibt es der Evangelist Johannes - und weiter: „Als die Soldaten aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht, sondern einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite und sogleich floss Blut und Wasser heraus. ... Das ist geschehen, damit sich das Schriftwort erfüllt: Man soll an ihm kein Gebein zerbrechen.“

Im Buch Exodus wird genau dies vom Paschalamm gesagt, das die Israeliten opfern sollen vor ihrem Aufbruch aus der Sklaverei in die Freiheit: Ihr sollt keinen seiner Knochen zerbrechen. Wenn Johannes dies so sehr betont, dann weist er darauf hin, dass dieser Jesus das Schicksal des Lammes teilt und den Tod auf sich nimmt, um Freiheit zu bringen. Jesus bringt sich selbst als Opfer, um die Menschen zu befreien aus der Sklaverei der Angst vor Gott, die ihnen von den Priestern und Schriftgelehrten eingeredet wurde. Ihnen war dieser Jesus mit seiner Botschaft von Verzeihung und Liebe schon lange ein Dorn im Auge, so wie er bis heute störend ist, wo religiöse, weltliche und ökonomische Machthaber das Wohl der Menschen den eigenen Interessen unterordnen. Mit vereinten Kräften haben der hohe Rat, Pilatus und die Römer Jesus zur Strecke gebracht. Man muss ihm nicht einmal mehr die Beine zerschlagen, damit er endlich stirbt, denn er ist schon tot. Fall erledigt. Aber seine Feinde haben ein wesentliches übersehen. Gerade, dass er mit seinem Leben Zeugnis abgelegt hat für seine Lehre - gerade das macht ihn und seine Botschaft unsterblich. Und gerade, weil Jesu Gerechtigkeit größer ist als die der Schriftgelehrten - gerade deshalb strahlt selbst im Tod Licht von ihm aus. Gott gibt dem Opfer Recht - nicht den Schergen - die Geschichte lehrt uns dies immer wieder: Gewalt mag phasenweise Oberhand bekommen, aber sie behält sie nie für immer, denn Gott steht auf der Seite der Befreiung. Gerade deshalb sind wir gehalten, mit wachsamen Augen darauf zu schauen, wo Menschen in Unterdrückung und Abhängigkeiten gedrängt werden. Das gilt für politische, religiöse und sektiererische Abhängigkeiten genauso wie für wirtschaftliche, industrielle und immer mehr auch mediale und technische Abhängigkeiten. Wo immer die Würde von Menschen gering geachtet wird, wo immer Einfluss und Geld, eigener Luxus und Bequemlichkeit wichtiger sind als das Lebensrecht und das Wohl von Menschheit und Schöpfung, da wird neu ans Kreuz geschlagen, wird immer neu mit der Lanze zugestochen, wird immer neu schummriges Dunkel über das Land gebracht. Gefährlich daran ist, dass Abhängigkeiten sich oft in buntem Licht anschleichen und Menschen sich betören lassen, bis es zu spät ist. Wie auf dem Bild von Januarius Zick, auf dem wir die Gesichter der Soldaten nicht sehen können, sind auch für uns oft genug die Gesichter der Gewalt verborgen. Es bedarf des genauen Hinschauens, um die Täter und ihre wahren Motive zu erkennen. Vielleicht können wir ja in der kommenden Woche besonders darauf achten, wo wir in Gefahr sind, solcher betörenden Propaganda zu erliegen und abhängig zu werden. Wirklich leuchten wird auf Dauer nur die befreiende Botschaft von der Liebe, der gegenseitigen Achtung gegenüber ALLEN Menschen und der Barmherzigkeit mit ALLEN Menschen. Jesus hat dafür grausame Leiden auf sich genommen und sein Leben eingesetzt. Das ist Verpflichtung, aber noch viel mehr Zuspruch und Bestärkung. Amen.

Ein Meditationsbild können Sie hier herunterladen.

Predigt zum 1. Fastenfreitag 2019

Kreuzigungsgruppe am Hochaltar

Predigt zum Freitag nach Aschermittwoch, 8.3.2019

Zur Kreuzigungsgruppe am Hochaltar:

Sich im Leid Gott und einander anvertrauen

Zu keiner anderen Zeit im Kirchenjahr verändert die Wieskirche ihre Innenansicht so grundlegend wie in der Fastenzeit. Das Altarbild mit der Familie Jesu ist verhüllt und davor sehen wir eine Kreuzesdarstellung mit lebensgroßen Figuren. Wir gehen auf das wichtigste Gedächtnis des Christentums zu: Tod und Auferstehung Jesu Christi - und deshalb rücken wir das Kreuz in den Blick.

Für uns heute ist das Kreuz das bekannteste Zeichen christlicher Zugehörigkeit. Wer sich zum christlichen Glauben bekennt bringt dies durch das Kreuz zum Ausdruck - als Anhänger an einem Halskettchen, als Anstecker, als Wandschmuck oder als Wegkreuz vor dem Haus. In frühchristlicher Zeit war dies ganz anders: da war das Kreuz ein Zeichen der Schande - gekreuzigt zu werden war einer der schmachvollsten Tode. Deshalb wählten die frühen Christen den Fisch zu ihrem Erkennungszeichen, denn die Anfangsbuchstaben des Bekenntnisses: Jesus Christus Sohn Gottes Erlöser ergaben im Griechischen das Wort ICHTHYS: „Fisch“.

Erst als Kaiser Konstantin im Zeichen des Kreuzes den entscheidenden Sieg an der Milvischen Brücke von Rom errang, bekam das Kreuz eine neue Bedeutung. Für Jahrhunderte wird es nun zum Siegeszeichen. Christus wird aufrecht stehend am Kreuz dargestellt mit einer Krone, nicht Dornenkrone. Er ist Christus der König. Das Kreuz ist sein Thron. Vom Kreuz aus regiert er die Welt. Erst im 10. Jhdt. wird Jesus erstmals leidend und ganz menschlich gezeigt.

Unsere Kreuzigungsgruppe am Hochaltar stammt aus viel späterer Zeit - sie ist Ende des 18. Jhdts entstanden - und sie zeigt einen Jesus, der nicht allein ist am Kreuz. Seine Mutter Maria, sein liebster Jünger Johannes und Maria von Magdala sind ihm gefolgt bis zum grausamen Ende. „Christi Mutter stand mit Schmerzen bei dem Kreuz und weint von Herzen, als ihr lieber Sohn da hing“ singen wir im Stabat mater. Noch in seiner Todesstunde hatte sich Jesus um das Wohl seiner Mutter gesorgt und ihr Johannes an die Seite gestellt: Er ist nun dein Sohn. Dabei geht es nicht um ein billiges Ablenken von der Trauer. Jesus sorgt sich um einen Abschied von den Trauernden, der ihnen beim Weiterleben hilft. Er verweist sie aufeinander - Nehmt Ihr Euch umeinander an. Gebt Ihr euch gegenseitig Hoffnung und bestärkt euch im Leben. Wer Abschied schon erlebt hat, weiß es selbst: Der Schmerz peinigt die Seele. Wie erlösend ist es, damit nicht allein zu sein. Das Johannesevangelium zeigt hierfür einen Weg auf. Es schützt vor dem Untergang im Schmerz, weil es eine Hoffnung aufzeigt. In tiefster Not: Lass dich trösten, bleib nicht allein, denke nicht, du musst allen Schmerz allein schultern. Trau dem neuen Weg: teile die Schmerzen über deinen Verlust, und übergib sie der Liebe von Menschen, die an deine Seite gestellt sind. Trau der Liebe, damit deine Seele auch im tiefsten Schmerz keinen Schaden nimmt!

Und Maria Magdalena - in die Knie gesunken mit einem Tränentuch?

Auch sie legt ihre Trauer, ihren Schmerz unter das Kreuz. Ihre linke Hand, die Herzenshand musste den loslassen, der sie gehalten, gerettet hat. Und doch lenkt Maria unseren Blick schon am Kreuz auf die große Hoffnung: Wir sind im Abschied nicht nur auf einander ver­wiesen, sondern dürfen darauf vertrauen, dass Schmerz und Leid und Tod überwunden werden. Maria von Magdala ist es, die dem Auferstandenen am Ostermorgen als erstes begegnet. Wer bis zuletzt ausharrt am Kreuz, kann die Erlösung als erste erfahren. Wer den Leidensweg bis zum letzten Aufschrei teilt, kann auch als erstes die Stimme des Auferstandenen hören. Wer dem tiefsten Dunkel nicht entflieht, kann als erstes das neue Licht entdecken.

In dieser Kreuzesgruppe ist nichts königliches, nichts thronendes, nichts mächtiges zu sehen. Nein - Aber Jesus als Gemarterter am Kreuz, seine Mutter Maria, der Jünger Johannes und Maria von Magdala zeigen uns, dass Menschen in allem Leiden, dass du und du und du in jedem schmerzlichen Abschied, auch in tiefster Trauer nicht allein bist, sondern dein Schmerz mit erlitten wird vom solidarischen Sohn Gottes, der sich bis zuletzt auch um uns annimmt. Vielleicht spüren wir in der kommenden Woche ja immer wieder nach, wo erlittenes Leid, Enttäuschung und Schmerz unsere Lebensfreude trüben - und legen sie Jesus unters Kreuz, im Wissen, dass er auch uns nicht damit allein lässt, sondern uns zueinander führt: Sieh da, deine Mutter - sieh da: dein Sohn! Amen!

Ein Meditationsbild können Sie hier herunterladen.