Predigt zum 6. Fastenfreitag 2019

Kreuzesdarstellung im Deckenfresko der Wieskirche

Freitag, den 12. April 2019

Kreuzesdarstellung im Deckenfresko der Wieskirche Das Kreuz im Licht der Ostersonne

Wenn es um Kreuzesdarstellungen in der Wies geht, dem Thema unserer diesjährigen Predigtreihe an den Fastenfreitagen, dann fallen einem als erstes die zwei Kreuze in den Deckenfresken der Wies ein. Im Chorraum wird gezeigt, wie Engel das Kreuz gleichsam Gott Vater darbringen und im Kirchenschiff deutet der Auferstandene auf das wiederum von Engeln getragene Kreuz und das dahinter stehende Himmelstor. Beide Male sind die Kreuze in leuchtenden Farben gemalt und von hellem Licht umgeben. Damit ist das Kreuz nicht Zeichen des Todes und der Qual, sondern Symbol der Hoffnung und des Lebens.

Das irritiert - und schon Paulus spricht davon, dass es für die Juden ein Ärgernis und für die Heiden eine Torheit, eine Dummheit bedeutet, wenn man behauptet, dass ein Gekreuzigter der Christus, der Messias, der von Gott Erwählte sei. Das aber ist die berührende - und gleichzeitig schockierende Offenbarung der Bibel: Dass der von Gott Erwählte nicht mit Glorienschein und Ruhmesmacht leichten Schrittes die Welt durchschreitet, sondern um der Gerechtigkeit willen am Kreuz leiden muss. Ausgerechnet dort, wo das Kreuz steht, da strahlt die Auferstehung. Wo alle an Gott irre werden, wo sie den Glauben an seine Macht verlieren, wo sein Gesandter doch offensichtlich gescheitert ist, da tritt Gott am stärksten auf, da demonstriert er seine Macht. Dort, wo das Dunkel des Unrechts am tiefsten ist, wird Gottes Licht am hellsten leuchten. Was wäre es auch für eine Kraft, die sich nicht im Schweren bewährt hat? Gott zeigt, dass ER auch dann noch trägt, wenn alles andere versagt. Unser Gott ist kein Schönwetter-Götze, unser Gott ist auch und gerade dann da, wenn einem der Boden weggezogen wird. Jahrhunderte lang war den Menschen immer wieder weis gemacht worden, dass Gott wirkt, wo das Leben leicht und bequem abläuft, und dass du selbst schuld bist, wenn es dir schlecht geht. Darum waren die Jünger ja auch so verzweifelt als sie sahen, was mit Jesus geschieht. Alles war aus. Alles muss Lüge gewesen sein, was Jesus erzählt hat, denn: wenn er wirklich der Messias wäre, dann würde Gott ihn doch da herausholen. Gott würde diese Schmach nicht zulassen. —

Doch! Gott lässt diese Schmach zu. Das ist ein ungeheures Ärgernis! ABER er lässt ihr nicht die Macht. An dem Punkt, wo sie scheinbar schon gesiegt hat, da zerbricht er ihre Arroganz. Gott vermeidet nicht, ER durchleidet. ER geht dem ungerechten Leid nicht aus dem Weg, sondern trägt es durch. Christus am Kreuz macht uns das deutlich.

Und dieser Christus ist nicht nur der historische Jesus von damals. Dieser Christus ist der Suchtkranke, der vom Alkohol entstellt ist, er ist das philippinische Mädchen, das in ein Touristenbordell verschleppt wurde, der indische Arbeitssklave, der im Ausland ausgebeutet wird, der Flüchtling, dessen Boot am Anlegen im sicheren Hafen gehindert wird, die Näherin in Bangladesh, der Wohnsitzlose in Berlin und die Seniorin von nebenan, die sich das Heizen nicht leisten kann. Das sind die Armen, die Ausgeplünderten, die Missbrauchten, die Zerstörten und die Alleingelassenen aller Zeiten und aller Regionen der Welt.

Gott lässt ihre Schmach zu - bis heute ist das ein Ärgernis und viele zweifeln deshalb an IHM. So wie die Jünger gezweifelt haben. Ist alles Lüge, was dieser Jesus über Gott verkündet hat? Nein! Es ist keine Lüge, aber immer und immer wieder ignorieren Menschen das strahlende Licht der Gerechtigkeit und huldigen der verrußten Funzel von Geld und Macht. Es ist der Mensch, der den Menschen ans Kreuz nagelt, missbraucht, entwürdigt und zerstört. Und Gott? Gott trägt auch heute hindurch.

Die leuchtenden Kreuze im Himmel der Wies können uns dies deutlich machen: Wem ein Kreuz auferlegt ist, dem scheint das Licht der Solidarität Gottes. Wer Leid und Unrecht ertragen muss, an dessen Seite geht Jesus als Weggefährte und weist den Weg zu einem Leben in Fülle. Das ist Trost für die Leidenden -- und Ermutigung, Aufruf und Ansporn für uns alle, immer neu für Gottes Gerechtigkeit einzutreten. „Das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen.“ Lassen wir uns ein auf das törichte, schwache aber so lichtvolle Kreuz! Amen!

Evtl, als Fürbitten:

O Kreuz Christi, Symbol der göttlichen Liebe und der menschlichen Ungerechtigkeit, Ikone des höchsten Opfers aus Liebe und des größten Egoismus aus Stolz, Werkzeug des Todes und Weg der Auferstehung, Zeichen des Gehorsams und Sinnbild des Verrats. Wir schauen auf dich und rufen dich an: Oh Kreuz Christi

A: Oh Kreuz Christi

O Kreuz Christi, wir sehen dich auch heute noch in den Alten, die von ihren Angehörigen verlassen wurden, in den Menschen mit Behinderung und in den Kindern, die unterernährt sind und von unserer egoistischen und heuchlerischen Gesellschaft ausgesondert werden. A: Oh Kreuz Christi

O Kreuz Christi, wir sehen dich auch heute noch in den Fundamentalismen und im Terroris­mus von Anhängern mancher Religionen, die den Namen Gottes schänden und ihn dazu benutzen, ihre unerhörte Gewalt zu rechtfertigen.

A: Oh Kreuz Christi

O Kreuz Christi, wir sehen dich auch heute noch in den Mächtigen und in den Waffenhändlern, die den Glutofen der Kriege mit dem unschuldigen Blut der Brüder und Schwestern beschicken.

A: Oh Kreuz Christi

O Kreuz Christi, wir sehen dich auch heute noch in den Zerstörern unseres „gemeinsamen Hauses“, die aus Egoismus die Zukunft der kommenden Generationen vernichten.

A: Oh Kreuz Christi

O Kreuz Christi, wir sehen dich auch heute noch auf dem Mittelmeer und in der Ägäis, die zu einem unersättlichen Friedhof geworden sind, ein Bild unseres abgestumpften und betäubten Gewissens. Und wir sehen den Hass, der sich als Herr aufspielt und Herz und Geist derer blind macht, die dem Licht die Finsternis vorziehen.

A: Oh Kreuz Christi

O Kreuz Christi, du Arche des Noach, welche die Menschheit vor der Sintflut der Sünde gerettet hat, rette uns vor dem Übel und vor dem Bösen! O Thron Davids und Siegel des göttlichen und ewigen Bundes, wecke uns auf angesichts der Verlockungen der Eitelkeit! O Liebesschrei, entfache in uns das Verlangen nach Gott, nach dem Guten und nach dem Licht. In dir, du heiliges Kreuz, sehen wir Gott, der bis zur Vollendung liebt. Llehre uns, dass der Aufgang der Sonne stärker ist als die Dunkelheit der Nacht. Amen!

nach Papst Franziskus 2016

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Predigt zum 5. Fastenfreitag 2019

Gemmenkreuz in der Wieskirche

Freitag, den 5. April 2019

Das Gemmenkreuz

Der Schandpfahl wird zum Siegeszeichen

Noch steht es hier gut sichtbar beim Altar: das wertvolle Gemmenkreuz, das vom Münchner Künstler Max Olof 1952 für die Wieskirche geschaffen wurde. Die Vorderseite ist besetzt mit Bergkristallen, mit roten Karneolen, grünen Malachiten, graubraunen Augenachaten, tiefroten Granaten und weißen Perlen. 151 Edelsteine und Perlen zieren dieses Kreuz, das wir bei festlichen Prozessionen vorantragen. Die Rückseite zeigt die vier Evangelisten mit ihren Symbolen und in der Mitte das Lamm Gottes.

Gemmenkreuze stellen das Kreuz Christi als Siegeszeichen dar. Zugleich sind sie Instrumente herrscherlicher Repräsentation und übertragen den altrömischen Triumphgedanken auf das christliche Heilszeichen.

Sieg und Triumph stehen in der jetzigen Zeit des Kirchenjahres, der österlichen Bußzeit, nicht im Zentrum der Betrachtung. Vielmehr gehen wir auf den Tiefpunkt der Beziehung zwischen Mensch und Gott zu: Gottes Sohn kommt in die Welt und teilt das Leben der Menschen. Er heilt, rettet, verkündet die Liebe Gottes und bringt die Frohe Botschaft. — Und wie reagieren jene darauf, die von sich behaupten, Gott am nächsten zu sein - die Priester, Pharisäer und Schriftgelehrten? Sie lassen ihn gefangen nehmen, foltern und auf die schändlichste und grausamste Art am Kreuz zu Tode martern. Gekreuzigt zu werden war die ehrloseste und beschämendste Art der Hinrichtung. Das Kreuz ist der Schandpfahl der damaligen Zeit.

Und dieses Kreuz soll Zeichen des Sieges sein?

Das kann nur verstehen, wer weiß, dass am Ende der Geschichte nicht mehr das Kreuz steht, sondern überwunden wird vom Leben. Das Leben triumphiert über den Tod sagt uns dieses Kreuz voller Edelsteine und Schmuck. Die Liebe ist stärker als Hass, Intrige, Macht­gier und Niedertracht.

Mit diesem Wissen kann man ein Symbol des Todes umdeuten zum Hoffnungszeichen. Jede Demütigung, jeder Peitschenhieb, jedes Angespuckt werden, jeder Schlag und jeder Fall unter dem Kreuz wird dann verwandelt in Edelstein und Perlen. Und letztlich kann ich die Waffe des Gegners hernehmen, mit Gold und Perlen überziehen und zum Zeichen des Sieges machen. Solch ein Kreuz verherrlicht nicht das Leiden, wie es uns mitunter zum Vorwurf gemacht wird, solch ein Kreuz verherrlicht die Überwindung von Leid und Tod. Es ist doch die große Stärke des Christentums, dass Leiden und Tod nicht verdrängt werden - und gleichzeitig Leiden und Tod nicht das letzte Wort behalten. Im Zeichen des Kreuzes kann all die Ungerechtigkeit, alles Leiden, alle Gewalt, all das aus dem Gleichgewicht geratene Leben benannt werden, und wird gleichzeitig seiner Macht beraubt. Das ist tröstlich, wenn ich solche Verletzungen erlitten habe, es ist aber auch tröstlich, wenn ich an der Schuld trage, selbst andere verletzt zu haben. Wir dürfen all das zu Christus tragen und ihn bitten: Wandle Du, Christus, die Ungerechtigkeit, das Leiden, die Gewalt, das aus dem Gleichgewicht Geratene zu einem neuen Leben! Mache Du, Christus, uns stark, damit Vergeltung, Rache, Hass und Revanche nicht das letzte Wort haben! Hilf Du, Christus, das Kreuz meiner Schwächen zu überwinden und Edelstein und Gold und Perlen Deiner Liebe in die Welt zu tragen. In diesem Licht betrachtet ist Jesu Aufschrei: „In deine Hände lege ich meinen Geist“ nicht das Ende des Lebens, sondern der Beginn eines neuen Seins in der Kraft und im Willen Gottes.

Ich lade Sie ein, in einer kurzen Stille alles, was im eigenen Leben schal, engherzig, gemein oder egoistisch ist, was auf Vergeltung sinnt und am anderen nur die Fehler sieht, all das in Gedanken aufs Kreuz und damit in Gottes Hand zu legen, und mit Jesu Worten zu sprechen: In deine Hände lege ich meinen Geist - im Vertrauen, dass Gott es wandeln wird, so wie das Kreuz des Todes gewandelt ist zum Kreuz des Sieges. 

Wo immer es gelingt, dass Menschen ihren Geist in Gottes Hand legen, steht am Kreuz nicht der Nagel im Vordergrund, der auf grausame Weise die Glieder durchbohrt, ist nicht der Querbalken Werkzeug, damit einer langsam ersticken muss, dient nicht der Längsbalken dazu, einen nackt und bloß zu demütigen - wo Menschen sich Gottes Geist überlassen, ist das Kreuz die Verbindung zwischen Horizontal und vertikal - zwischen Himmel und Erde und leuchtet mit Gold, Edelsteinen und Perlen in das Dunkel der Welt. Amen.

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Predigt zum 4. Fastenfreitag 2019

Kreuzigungsgruppe aus dem Kloster Fultenbach

Freitag, den 29.3.2019

Kreuzigungsgruppe aus dem Kloster Fultenbach

Unterm Kreuz verharren und sich ins Schicksal fügen

Bitte nehmen Sie das Gebetbildchen zur Hand. Wir sehen darauf die Darstellung einer Kreuzigungsgruppe aus dem Kloster Fultenbach bei Dillingen. Das Motiv darauf gibt es in unzähligen Variationen: Jesus am Kreuz, darunter Jesu Mutter Maria und Johannes, sein Lieblingsjünger, sowie Maria Magdalena.

Auch wenn in den Evangelien noch weitere Frauen genannt sind, die Jesus bis ans Kreuz folgten, viele waren es nicht angesichts dessen, dass ihm noch kurz vorher viele zujubelten und ichm die Kleider zu Füßen legten. Es war auch gefährlich, einem Verurteilten auf seinem Kreuzweg zu folgen, und dann vielleicht sogar noch Mitleid und Anteilnahme zu zeigen. Wer dabei erwischt wurde, lief Gefahr, dasselbe Schicksal zu erleiden, also gekreuzigt zu werden. Das mag auch erklären, warum - außer Johannes - von den Jüngern offenbar keiner Jesus begleitete. Vielleicht hätten sie es aber auch nicht ertragen, ihn, auf den sie alle Hoffnung gesetzt hatten so ohnmächtig erleben zu müssen. Sie hatten doch gehofft, dass dieser Jesus die Welt - oder zumindest Israel - verändern werde. Maria von Magdala hingegen vollbringt ihren letzten Liebesdienst: sie umarmt Jesu Füße, fängt mit einem Tuch sein Blut auf und hält schon das Salbgefäß bereit, um ihm den allerletzten Dienst erweisen zu können. Jesu Mutter ist die Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben. Und der Blick des Johannes? Hofft er vielleicht doch noch auf das Wunder, mit dem Jesus alles verändert, tatsächlich herunter steigt und seine Gegner überwindet?

Nein: Jesus steigt nicht herab. Er zeigt seine Macht nicht durch ein Wunder. Ohnmächtig hängt er am Kreuz und ist dazu verdammt, alle Schmerzen und Demütigungen auzuhalten. So stellt uns das Kreuz unbeschönigt und rückhaltlos vor Augen, zu welcher Grausamkeit er fähig ist, aber auch welche Grausamkeit und welches Leid er oftmals ertragen muss. Die Werbung gaukelt uns dagegen etwas ganz anderes vor: Immer jung, stark, gesund, dynamisch, voller Power, lächelnd und glücklich. Leid und Tod haben da keinen Platz. Dem geht man besser aus dem Weg. Damit will keiner konfrontiert werden. Bei Leid und Tod will man nicht verweilen. So ist es nicht verwunderlich, dass viele das Kreuz nicht mehr sehen wollen. Aber wir brauchen genau dieses Bild, um menschlich zu bleiben. Nur wenn wir uns erinnern lassen an Ungerechtigkeit und Gewalt einerseits und unsere Zerbrechlichkeit, an Leiden und Tod andererseits, bleiben wir human. Es ist unverzichtbarer Wert des Christentums, vor Leid und Tod nicht davon zu laufen, sondern da zu sein, wie Maria die Frauen unter dem Kreuz.

Doch auf ein zweites kann uns der Blick auf diese Kreuzesdarstellung führen: Anders als in vielen Bildern aus dieser Zeit ist der Körper des Gekreuzigten unversehrt, geradezu makellos gemalt. Keine schwärenden Wunden der Geißelung, keine Blutstropfen oder Hämatome von den bereits erlittenen Leiden. Und seine Gesichtszüge sind geradezu entspannt. Kein verzerrter Blick, keine schmerzerfüllte Mimik, die das unvorstellbare Martyrium widerspiegeln würden. Dieser Gekreuzigte hat sich in sein Schicksal ergeben und lässt geschehen. Hier geht es nicht um das, was man im Leben bewegen, steuern und ausrichten kann. Es geht um das, was es zu ertragen gilt. Anzunehmen, was einem unausweichlich widerfährt.

Dieses Bild lehrt uns, dass Jesu große Bedeutung für die Menschheit nicht nur in dem liegt, was er aktiv tat und lehrte. Was ihn auch zum Hoffnungsträger macht ist seine Haltung, das Kreuz auf sich zu nehmen, geschehen zu lassen, sich in das Unabänderliche zu fügen und es anzunehmen. So kann uns Jesu Weg Ermutigung sein, wo sich manches im Leben nicht so kontrollieren läßt, wie ich es mir wünsche, wo ich annehmen muss, dass Wege plötzlich einen anderen Verlauf nehmen. Manchmal kann gerade daraus das Heil erwachsen. Das Leben Jesu zeigt es. Amen.

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Predigt zum 3. Fastenfreitag 2019

"Gnadenstuhl" (um 1680 Niederbayern)

Freitag, den 22.3.2019

Der Gnadenstuhl

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes das Leben gestalten

Kreuzdarstellungen in der Wies stehen in diesem Jahr im Mittelpunkt unserer Fastenpredigten. Das Kreuz, das wir heute betrachten wollen, befindet sich im Besprechungsraum - und ist eigentlich viel mehr als ein Kreuz. Man bezeichnet solche Darstellungen auch als Gnadenstuhl - und sie zeigen mit dem gekreuzigten auch Gott Vater und den Hl. Geist. Oft wird es so dargestellt, dass Gott Vater das Kruzifix in Händen hält und der Hl. Geist über allem schwebt.

Der Gnadenstuhl hier, den Sie auf dem ausgeteilten Bildchen betrachten können, ist etwas anders gestaltet. Gott hält nicht das Kreuz in Händen, sondern in seiner Rechten das Zepter als Symbol der Herrschaft und links die Erdkugel, über der das Kreuz aufgerichtet ist. Die Taube als Zeichen für den Hl. Geist steht zwischen Gott Vater und dem gekreuzigten Christus, der von vier Putten umgeben ist. Während in anderen Darstellungen oft Gott Vater am größten dargestellt ist, sehen wir hier eindeutig Christus am Kreuz am eindrucksvollsten. Vielleicht kamen die weiteren Elemente sogar erst nachträglich hinzu. Wie auch immer - der Gnadenstuhl weitet unseren Blick über das irdische Geschehen der Kreuzigung hinaus auf die Dreifaltigkeit Gottes. Gottvater und der Hl. Geist wirken mit an der Erlösungstat Christi. Jesus selbst hat uns in dieses Geheimnis eingeführt. Er hat zu uns von Gott als dem Vater gesprochen; er hat zu uns vom Heiligen Geist gesprochen; und er hat zu uns von sich selbst als Sohn Gottes gesprochen. Und als er nach seiner Auferstehung die Jünger ausgesandt hat, um die Völker zu evangelisieren, hat er ihnen aufgetragen: Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes! (Mt 28,19).

Wir beten dieses Bekenntnis zu Beginn jeden Gottesdienstes: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Wir empfangen und spenden Segen mit diesen Worten, Eltern geben ihren Kindern diese Stärkung mit auf den Weg, wenn sie das Haus verlassen und sie zeichnen ihnen mit diesen Worten das Kreuz auf die Stirn, wenn es abends ins Bett geht. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes - das ist Auftrag und Zuspruch zugleich: Auftrag, im Sinne Gottes zu leben und zu handeln und Zuspruch, dass wir jederzeit darauf vertrauen dürfen, dass dieser Gott gleich in dreifacher Weise an unserer Seite steht:

ER ist mit uns als der Schöpfer, der uns das Leben und die Lebensgrundlagen geschenkt hat und immer wieder schenkt,

ER ist an unserer Seite als der Bruder, der unser menschliches Leben ge- und erlebt hat bis zur letzten Konsequenz des Todes und

ER ist an unserer Seite als der Funke, der uns Erkenntnis, Weisheit, Verstand, Rat, Stärke, Gottesfurcht und Frömmigkeit schenkt, damit wir mit Hoffnung, Liebesfähigkeit und Kreativität unser Leben gestalten können.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes soll und kann und wird unser Leben gelingen, weil es keinen Zustand gibt, in dem dieser Gott nicht bei uns wäre. Er begegnet uns in der Natur und der Schöpfung, er begegnet uns in den Menschen und er begegnet uns in unseren Gedanken, Gefühlen und Ideen. Dieser dreifältige Gott ist ganz und gar mit der Welt verwoben und wir dürfen ihn herein rufen in unser Leben. Vielleicht kann ja die Fastenzeit ein guter Anlass sein, um unsere Tage ganz bewusst mit der Anrufung dieses dreifältigen Gottes morgens zu beginnen und abends zu beenden. Wie wäre es, in der kommenden Woche die vielleicht wirkende Scheu zu überwinden und anderen diese Worte zu sagen. Und so lade ich Sie herzlich ein, hier und jetzt ihrem Nachbarn, ihrer Nachbarin ein Kreuz in die Handfläche zu zeichnen - oder wenn es ein vertrauter Mensch ist auf die Stirn - und „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ zuzusprechen.

Auf unserem Gnadenstuhl hält Gott seine Hand über die Erde und zu den drei göttlichen Symbolen sind genau vier Putten angeordnet. Vier ist die Symbolzahl des Irdischen. Wir kennen vier Jahreszeiten, vier Elemente, vier Himmelsrichtungen, vier Temperamente: Gott und Welt sind ineinander verwoben. Gott will in dieser Welt präsent sein und ist in Jesus in diese Welt gekommen. Setzen wir uns doch das Ziel, IHM heute einen besseren Empfang zu bereiten als vor 2000 Jahren. Wo immer dies gelingt wird Gnade und Wohlergehen der Lohn dafür sein - im Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes. Amen

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Predigt zum 2. Fastenfreitag 2019

Kreuzesdarstellung von Januarius Zick

Freitag in der ersten Fastenwoche, 15.3.2019

Zum Bild von Januarius Zick

Frei werden aus Abhängigkeiten

In unserer Predigtreihe von Kreuzesdarstellungen in der Wies betrachten wir heute ein Bild, das nur wenige kennen. Es hängt im Amtszimmer des Wiespfarrers und wurde gemalt von Januarius Zick, dessen Vater bei Rembrandt lernen durfte.

Das etwas Unheimliche, das in vielen Rembrandt-Bildern zu sehen ist, das schummrige Dunkel, die oft verschwimmenden Konturen, die düstere Stimmung - das finden wir auch in dieser Darstellung. In helles Licht getaucht und mit klaren Zügen dargestellt ist allein Jesus am Kreuz. Sein Kopf ist ihm auf die Brust gesunken, Jesu Leib hängt ganz gerade am Kreuz, während alle anderen Figuren auf dem Bild irgendwie gewunden und gebeugt wirken. Die Schächer links und rechts krümmen sich mit angewinkelten Knien und nach hinten geboge­nen Armen. Auch der Reitersoldat, der gerade die Lanze in Jesu Brust sticht, wirkt in sich verdreht. Der Soldat rechts ist am Boden zusammengesunken. Während alles in Bewegung ist, strahlt Jesus geradezu Ruhe aus: „Es ist vollbracht“ - Der Todeskampf ist beendet: „Jesus neigte das Haupt und übergab seinen Geist.“ So beschreibt es der Evangelist Johannes - und weiter: „Als die Soldaten aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht, sondern einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite und sogleich floss Blut und Wasser heraus. ... Das ist geschehen, damit sich das Schriftwort erfüllt: Man soll an ihm kein Gebein zerbrechen.“

Im Buch Exodus wird genau dies vom Paschalamm gesagt, das die Israeliten opfern sollen vor ihrem Aufbruch aus der Sklaverei in die Freiheit: Ihr sollt keinen seiner Knochen zerbrechen. Wenn Johannes dies so sehr betont, dann weist er darauf hin, dass dieser Jesus das Schicksal des Lammes teilt und den Tod auf sich nimmt, um Freiheit zu bringen. Jesus bringt sich selbst als Opfer, um die Menschen zu befreien aus der Sklaverei der Angst vor Gott, die ihnen von den Priestern und Schriftgelehrten eingeredet wurde. Ihnen war dieser Jesus mit seiner Botschaft von Verzeihung und Liebe schon lange ein Dorn im Auge, so wie er bis heute störend ist, wo religiöse, weltliche und ökonomische Machthaber das Wohl der Menschen den eigenen Interessen unterordnen. Mit vereinten Kräften haben der hohe Rat, Pilatus und die Römer Jesus zur Strecke gebracht. Man muss ihm nicht einmal mehr die Beine zerschlagen, damit er endlich stirbt, denn er ist schon tot. Fall erledigt. Aber seine Feinde haben ein wesentliches übersehen. Gerade, dass er mit seinem Leben Zeugnis abgelegt hat für seine Lehre - gerade das macht ihn und seine Botschaft unsterblich. Und gerade, weil Jesu Gerechtigkeit größer ist als die der Schriftgelehrten - gerade deshalb strahlt selbst im Tod Licht von ihm aus. Gott gibt dem Opfer Recht - nicht den Schergen - die Geschichte lehrt uns dies immer wieder: Gewalt mag phasenweise Oberhand bekommen, aber sie behält sie nie für immer, denn Gott steht auf der Seite der Befreiung. Gerade deshalb sind wir gehalten, mit wachsamen Augen darauf zu schauen, wo Menschen in Unterdrückung und Abhängigkeiten gedrängt werden. Das gilt für politische, religiöse und sektiererische Abhängigkeiten genauso wie für wirtschaftliche, industrielle und immer mehr auch mediale und technische Abhängigkeiten. Wo immer die Würde von Menschen gering geachtet wird, wo immer Einfluss und Geld, eigener Luxus und Bequemlichkeit wichtiger sind als das Lebensrecht und das Wohl von Menschheit und Schöpfung, da wird neu ans Kreuz geschlagen, wird immer neu mit der Lanze zugestochen, wird immer neu schummriges Dunkel über das Land gebracht. Gefährlich daran ist, dass Abhängigkeiten sich oft in buntem Licht anschleichen und Menschen sich betören lassen, bis es zu spät ist. Wie auf dem Bild von Januarius Zick, auf dem wir die Gesichter der Soldaten nicht sehen können, sind auch für uns oft genug die Gesichter der Gewalt verborgen. Es bedarf des genauen Hinschauens, um die Täter und ihre wahren Motive zu erkennen. Vielleicht können wir ja in der kommenden Woche besonders darauf achten, wo wir in Gefahr sind, solcher betörenden Propaganda zu erliegen und abhängig zu werden. Wirklich leuchten wird auf Dauer nur die befreiende Botschaft von der Liebe, der gegenseitigen Achtung gegenüber ALLEN Menschen und der Barmherzigkeit mit ALLEN Menschen. Jesus hat dafür grausame Leiden auf sich genommen und sein Leben eingesetzt. Das ist Verpflichtung, aber noch viel mehr Zuspruch und Bestärkung. Amen.

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Predigt zum 1. Fastenfreitag 2019

Kreuzigungsgruppe am Hochaltar

Predigt zum Freitag nach Aschermittwoch, 8.3.2019

Zur Kreuzigungsgruppe am Hochaltar:

Sich im Leid Gott und einander anvertrauen

Zu keiner anderen Zeit im Kirchenjahr verändert die Wieskirche ihre Innenansicht so grundlegend wie in der Fastenzeit. Das Altarbild mit der Familie Jesu ist verhüllt und davor sehen wir eine Kreuzesdarstellung mit lebensgroßen Figuren. Wir gehen auf das wichtigste Gedächtnis des Christentums zu: Tod und Auferstehung Jesu Christi - und deshalb rücken wir das Kreuz in den Blick.

Für uns heute ist das Kreuz das bekannteste Zeichen christlicher Zugehörigkeit. Wer sich zum christlichen Glauben bekennt bringt dies durch das Kreuz zum Ausdruck - als Anhänger an einem Halskettchen, als Anstecker, als Wandschmuck oder als Wegkreuz vor dem Haus. In frühchristlicher Zeit war dies ganz anders: da war das Kreuz ein Zeichen der Schande - gekreuzigt zu werden war einer der schmachvollsten Tode. Deshalb wählten die frühen Christen den Fisch zu ihrem Erkennungszeichen, denn die Anfangsbuchstaben des Bekenntnisses: Jesus Christus Sohn Gottes Erlöser ergaben im Griechischen das Wort ICHTHYS: „Fisch“.

Erst als Kaiser Konstantin im Zeichen des Kreuzes den entscheidenden Sieg an der Milvischen Brücke von Rom errang, bekam das Kreuz eine neue Bedeutung. Für Jahrhunderte wird es nun zum Siegeszeichen. Christus wird aufrecht stehend am Kreuz dargestellt mit einer Krone, nicht Dornenkrone. Er ist Christus der König. Das Kreuz ist sein Thron. Vom Kreuz aus regiert er die Welt. Erst im 10. Jhdt. wird Jesus erstmals leidend und ganz menschlich gezeigt.

Unsere Kreuzigungsgruppe am Hochaltar stammt aus viel späterer Zeit - sie ist Ende des 18. Jhdts entstanden - und sie zeigt einen Jesus, der nicht allein ist am Kreuz. Seine Mutter Maria, sein liebster Jünger Johannes und Maria von Magdala sind ihm gefolgt bis zum grausamen Ende. „Christi Mutter stand mit Schmerzen bei dem Kreuz und weint von Herzen, als ihr lieber Sohn da hing“ singen wir im Stabat mater. Noch in seiner Todesstunde hatte sich Jesus um das Wohl seiner Mutter gesorgt und ihr Johannes an die Seite gestellt: Er ist nun dein Sohn. Dabei geht es nicht um ein billiges Ablenken von der Trauer. Jesus sorgt sich um einen Abschied von den Trauernden, der ihnen beim Weiterleben hilft. Er verweist sie aufeinander - Nehmt Ihr Euch umeinander an. Gebt Ihr euch gegenseitig Hoffnung und bestärkt euch im Leben. Wer Abschied schon erlebt hat, weiß es selbst: Der Schmerz peinigt die Seele. Wie erlösend ist es, damit nicht allein zu sein. Das Johannesevangelium zeigt hierfür einen Weg auf. Es schützt vor dem Untergang im Schmerz, weil es eine Hoffnung aufzeigt. In tiefster Not: Lass dich trösten, bleib nicht allein, denke nicht, du musst allen Schmerz allein schultern. Trau dem neuen Weg: teile die Schmerzen über deinen Verlust, und übergib sie der Liebe von Menschen, die an deine Seite gestellt sind. Trau der Liebe, damit deine Seele auch im tiefsten Schmerz keinen Schaden nimmt!

Und Maria Magdalena - in die Knie gesunken mit einem Tränentuch?

Auch sie legt ihre Trauer, ihren Schmerz unter das Kreuz. Ihre linke Hand, die Herzenshand musste den loslassen, der sie gehalten, gerettet hat. Und doch lenkt Maria unseren Blick schon am Kreuz auf die große Hoffnung: Wir sind im Abschied nicht nur auf einander ver­wiesen, sondern dürfen darauf vertrauen, dass Schmerz und Leid und Tod überwunden werden. Maria von Magdala ist es, die dem Auferstandenen am Ostermorgen als erstes begegnet. Wer bis zuletzt ausharrt am Kreuz, kann die Erlösung als erste erfahren. Wer den Leidensweg bis zum letzten Aufschrei teilt, kann auch als erstes die Stimme des Auferstandenen hören. Wer dem tiefsten Dunkel nicht entflieht, kann als erstes das neue Licht entdecken.

In dieser Kreuzesgruppe ist nichts königliches, nichts thronendes, nichts mächtiges zu sehen. Nein - Aber Jesus als Gemarterter am Kreuz, seine Mutter Maria, der Jünger Johannes und Maria von Magdala zeigen uns, dass Menschen in allem Leiden, dass du und du und du in jedem schmerzlichen Abschied, auch in tiefster Trauer nicht allein bist, sondern dein Schmerz mit erlitten wird vom solidarischen Sohn Gottes, der sich bis zuletzt auch um uns annimmt. Vielleicht spüren wir in der kommenden Woche ja immer wieder nach, wo erlittenes Leid, Enttäuschung und Schmerz unsere Lebensfreude trüben - und legen sie Jesus unters Kreuz, im Wissen, dass er auch uns nicht damit allein lässt, sondern uns zueinander führt: Sieh da, deine Mutter - sieh da: dein Sohn! Amen!

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